ABB erweitert das IE6-SynRM-Motorenportfolio und führt Automation Extended ein
ABB hat seine Motorenreihe IE6 Hyper-Efficiency SynRM auf 450 kW erweitert und gleichzeitig Automation Extended für die schrittweise Modernisierung von DCS-Systemen eingeführt. Die kombinierte Stra...
ABB treibt Effizienz und digitale Modernisierung parallel voran
ABB erweitert seine Strategie für industrielle Elektrifizierung und Automatisierung mit zwei koordinierten Entwicklungen: einem ausgebauten Portfolio hocheffizienter IE6-Synchronreluktanzmotoren sowie der Einführung von Automation Extended zur Modernisierung verteilter Leitsysteme. Die Ankündigung spiegelt einen umfassenderen Wandel in der Industrie wider: hin zu geringerem Energieverbrauch und einer schrittweisen digitalen Transformation ohne Betriebsunterbrechungen.
Anstatt Energieeffizienz und Automatisierungsarchitektur als getrennte Investitionen zu betrachten, positioniert ABB beide Technologien als Teil derselben langfristigen Strategie zur industriellen Optimierung. Für energieintensive Branchen, die mit steigenden Stromkosten und strengeren Emissionszielen konfrontiert sind, ist der Zeitpunkt bedeutsam.
ABB hat sein IE6-SynRM-Motorensortiment um größere Baugrößen für anspruchsvolle industrielle Prozesse erweitert.
IE6-SynRM-Motoren für Anwendungen mit höherer Leistung
Die jüngste SynRM-Erweiterung von ABB führt die Baugrößen 280 und 315 ein und erweitert den IE6-Motorenbereich von 110 kW auf bis zu 450 kW. Die Motoren unterstützen Drehzahlen von bis zu 3600 U/min und sind für Anwendungen im Dauerbetrieb wie Pumpen, Kompressoren, Gebläse und Prozessventilatoren vorgesehen.
Die technische Bedeutung liegt in der Motortopologie selbst. Im Gegensatz zu Permanentmagnetmotoren kommt die Synchronreluktanztechnologie vollständig ohne Seltene Erden aus. Die Rotorstruktur nutzt optimierte magnetische Reluktanzpfade anstelle eingebetteter Magnete, wodurch die Materialabhängigkeit verringert und zugleich eine hohe Betriebseffizienz erhalten bleibt.
Höhere Effizienz ohne Permanentmagnete aus Seltenen Erden
ABB gibt an, dass die Motoren im Vergleich zu IE4- und IE5-Plattformen messbare Verbesserungen bieten. In Umgebungen mit kontinuierlicher Last können selbst geringfügige Effizienzsteigerungen über zwei Jahrzehnte Betrieb zu erheblichen Einsparungen über den gesamten Lebenszyklus führen.
Das Unternehmen schätzt, dass der Austausch eines herkömmlichen IE4-Motors durch eine IE6-SynRM-Einheit in einer 110-kW-Anwendung die CO₂-Emissionen über einen Zeitraum von 20 Jahren um mehr als 92.000 kg senken kann. Dieses Einsparniveau ist besonders relevant in Branchen, in denen Dutzende oder Hunderte von Motoren gleichzeitig betrieben werden.
Das erweiterte SynRM-Sortiment unterstützt Anwendungen in der industriellen Pumpen- und rotierenden Anlagentechnik mit geringeren Energieverlusten.
Drop-in-Ersatzstrategie erleichtert die Einführung
Ein besonders praktischer Vorteil ist die mechanische Kompatibilität. ABB hat die IE6-SynRM-Motoren auf Grundlage der Standardabmessungen von Asynchronmotoren entwickelt, sodass eine Nachrüstung ohne umfangreiche mechanische Anpassungen möglich ist.
Für Anlagen, die bereits Frequenzumrichtersysteme einsetzen, wird die Integration noch einfacher, wenn sie mit ABB-Motoren- und Antriebslösungen kombiniert wird. Dadurch sinkt die Komplexität der Inbetriebnahme, während die Optimierung von Drehzahl und Drehmoment über dynamische Lastprofile hinweg verbessert wird.
Die Motoren unterstützen zudem Nachhaltigkeitsinitiativen, die über die betriebliche Effizienz hinausgehen. ABB weist darauf hin, dass die Einheiten zu etwa 98 Prozent recycelbar sind und zum EcoSolutions-Portfolio mit unabhängig verifizierten Umweltdeklarationen gehören.
Automation Extended zielt auf DCS-Upgrades mit geringem Risiko
Parallel zur Erweiterung des Motorensortiments hat ABB Automation Extended vorgestellt, ein Modernisierungskonzept, das die Betriebslebensdauer bestehender verteilter Leitsysteme verlängern und zugleich eine schrittweise digitale Transformation ermöglichen soll.
Der Ansatz adressiert ein häufiges Problem in der Industrie. Viele Prozessanlagen verlassen sich noch immer auf äußerst stabile Legacy-DCS-Plattformen, denen die Betreiber vertrauen. Diese Systeme verfügen jedoch häufig nicht über die Infrastruktur, die für fortschrittliche Analysen, die Integration von KI und cloudbasierte Optimierung erforderlich ist.
Automation Extended trennt sicherheits- und betriebsrelevante Prozesssteuerungen von übergeordneten Umgebungen für digitale Analysen.
Trennung von Steuerungsintegrität und digitaler Innovation
Die Architektur von ABB trennt deterministische Steuerungsfunktionen von digitalen Diensten wie KI-Analysen, Edge Computing und Anwendungen für die vorausschauende Wartung. Dieser mehrschichtige Ansatz ermöglicht es Anlagen, ihre betriebliche Intelligenz zu modernisieren, ohne die sicherheits- und betriebsrelevante Prozesssteuerung zu beeinträchtigen.
Das Konzept unterstützt außerdem die Interoperabilität durch OPC-UA-Kommunikationsstrukturen und cloudnative Bereitstellungsmethoden. Containerisierte Anwendungen können unabhängig von der zentralen Automatisierungsebene betrieben werden, wodurch die Cybersecurity-Risiken und die Gefahren während von Upgrades verringert werden.
Anlagen mit langlebigen Prozesssystemen, insbesondere in der Öl- und Gasindustrie, der Stromerzeugung und der chemischen Produktion, könnten dies als realistischeren Modernisierungspfad betrachten als einen vollständigen DCS-Austausch. Unternehmen, die veraltete Infrastruktur verwalten, räumen der Betriebskontinuität häufig Vorrang vor einer aggressiven Systemmigration ein.
Industrieanwender, die schrittweise Modernisierungsstrategien bewerten, können bei der Planung mehrjähriger Automatisierungs-Upgrades auch auf umfassendere Plattformen für verteilte Leitsysteme und Lösungen zur Unterstützung des Anlagenlebenszyklus zurückgreifen.
Warum ABBs kombinierte Strategie wichtig ist
Die Ankündigung von ABB ist bedeutsam, weil sie zwei Trends miteinander verbindet, die Investitionsentscheidungen in der Industrie zunehmend beeinflussen: Energieeffizienz auf der Geräteebene und digitale Intelligenz auf der Systemebene.
Viele Hersteller behandelten diese Initiativen bisher getrennt. Energieprojekte konzentrierten sich auf Motoren und Antriebe, während digitale Projekte ihren Schwerpunkt auf Software und Analysen legten. ABB präsentiert sie nun als miteinander verbundene betriebliche Prioritäten.
Aus technischer Sicht ist diese Abstimmung sinnvoll. Fortschrittliche Analysen werden erst dann wertvoll, wenn die zugrunde liegenden Anlagen effizient und zuverlässig arbeiten. Ebenso liefern hocheffiziente Anlagen einen größeren Nutzen, wenn sie durch Zustandsüberwachung, vorausschauende Wartung und Echtzeitoptimierung unterstützt werden.
Meiner Ansicht nach liegt ABBs größter Vorteil nicht allein im Effizienzgrad des IE6-Motors. Die größere Chance besteht darin, das Modernisierungsrisiko zu verringern. Industriebetreiber lehnen die digitale Transformation nur selten ab, weil sie Technologie nicht mögen. Sie wehren sich dagegen, weil Stillstandszeiten, Cybersecurity-Risiken und fehlgeschlagene Migrationen weiterhin kostspielige betriebliche Gefahren darstellen. Automation Extended geht dieses Problem unmittelbar an.
Wenn es ABB gelingt, hocheffiziente rotierende Anlagen mit praktikablen Modernisierungsstrategien mit geringem Risiko zu verbinden, könnte das Unternehmen seine Position in Prozessindustrien stärken, die sowohl mit dem Druck zur Dekarbonisierung als auch mit veralteter Automatisierungsinfrastruktur konfrontiert sind.
Autor: Daniel Mercer | Leitender Reporter für Automatisierungssysteme
Daniel Mercer verfügt über 14 Jahre Erfahrung in der Berichterstattung über industrielle Automatisierung, die Modernisierung von Prozessleitsystemen und Technologien für rotierende Maschinen. Zu seinem Hintergrund gehören Automatisierungsintegrationsprojekte mit Systemen von ABB, Emerson, Siemens und Yokogawa in Kraftwerken und petrochemischen Anlagen.